Oman
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Dhofar, Oman: Eine Reise in die Vergangenheit (1)

Es ist einer dieser Momente, in denen die Welt still zu stehen scheint, in denen es ganz leise wird. Ich schaue über einen Abhang auf Berge, von denen ich gar nicht wusste, dass sie hier so groß sein würden. Als ich zwei Stunden zuvor in den großen Geländewagen stieg, hatte ich keine Ahnung, was mich im Oman erwartete. In den folgenden drei Wochen fand ich vor allem eines: Überraschungen.

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Das erste Mal bin ich mit einer Gruppe unterwegs. Es sind alles Briten, die im Dhofar-Krieg stationiert waren, und ihre Frauen. Für einige ist es die erste Rückkehr nach 50 Jahren, andere kommen regelmäßig in den Oman. Nur für mich ist es das erste Mal überhaupt, und vielleicht stehe ich deshalb als einzige am Rand der Klippe und schaue mit offenem Mund über die riesige Masse an Felsen, Sand und Trockenheit. In der Ferne kann ich gerade noch die Straße erkennen, die wir die letzten Stunden entlang gefahren sind, ohne dass mir bewusst war, wie hoch und wie weit wir schon gekommen waren.

Begleitet werden wir von zwei Soldaten, die übersetzen und auf uns aufpassen. Einer von ihnen ist Ali. In den nächsten drei Wochen sehe ich ihn nur einmal tagsüber aus vollem Herzen lachen. Das mit der Ernsthaftigkeit ändert sich immer dann, wenn er nicht mehr in Uniform vor mir steht, sondern traditionell in Dishdasha gekleidet.

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Der Dhofar-Krieg (1965-1975) ist auch als Geheimer Krieg bekannt. Wir fahren zu den Orten, an denen die großen Operationen stattfanden. Ich sehe Karten, auf denen Linien und Pfeile eingezeichnet sind, Routen, welche die Versorgung der Soldaten sicherstellen sollten, und in meinem Kopf schwirren militärische Begriffe herum, die ich noch nie zuvor gehört habe.

Von Salalah aus fahren wir in den Westen nach Sarfayt. Als normale Touristen dürften wir gar nicht hier sein, aber ausnahmsweise sind wir alles andere als normale Touristen. Und so sitze ich mittags mit Soldaten beim Mittagessen, während der Khareef am Hang sein schönstes Schauspiel zeigt. Mal liegt er dick und schwer direkt am Felsen, mal schwebt er in Nebelwolken durch die Luft. Wenn er sich lichtet, gibt er den Blick auf den Jemen frei. Ich brauche fast 5 Minuten, um wirklich zu realisieren, dass ich von hier auf den Jemen blicken kann und ich frage mich, ob ich jemals näher an dieses Land herankommen werde.

Ein paar Tage später fahren wir einen Trampelpfad entlang, immer tiefer in die Wüstenartige Landschaft, die im Sommer dank des Khareefs in saftigem Grün leuchtet. Wir halten an und Steve zeigt auf zwei Berge:

„Zwischen den zwei Bergen, da wurde ich angeschossen.“

 

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Neben der Geschichte des Oman, die von der Hälfte der Gruppe erlebt und mitgestaltet wurde, kommen wir immer wieder auf die persönlichen Geschichten zu sprechen: Wie lebt es sich monatelang auf einem Berg mitten im Nichts, wenn man nicht weiß, ob und wann man angegriffen wird? Wie lebt es sich in einer Höhle, was passiert mit jemandem, der seine Freunde sterben sieht, und wie schafft man es, den Glauben an das Gute nicht zu verlieren, wenn Menschen von Minen in Teile und aus dem Leben gerissen werden?

Alan holt Fotos aus der Tasche, erklärt, wo sie wann aufgenommen wurden. Wo es früher nichts gab außer Sand, stehen heute Häuser, Straßen winden sich durch das Gelände, große SUVs stehen vor jeder Tür.

„Als wir damals hier ankamen, gab es eine Straße, die nach wenigen Kilometern einfach endete. Es gab vielleicht fünf Schulen, wenn überhaupt, und nur ein Krankenhaus.“

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Während es auf den Bergen angenehm kühl ist, flirrt die Luft unten im Tal vor Hitze. Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns nieder, aber wir erklimmen trotzdem den Berg, dessen Namen ich mir nicht merken konnte. Von oben schauen wir auf das Meer und Mirbat.

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Und immer wieder tauchen Kamele auf. Am Wegesrand, in den Dörfern und Bergen, an Felsenklippen stehend oder auch direkt an der Straße. Sie kauen das bisschen Grün, das sie finden, schmeißen ihre kreisrunden Füße durch die Gegend und ziehen Grimassen.

In drei Wochen habe ich mehr gelernt als in einem ganzen Schuljahr. Obwohl ich die meisten touristischen Höhepunkte verpasst habe, habe ich einen Blick hinter die Kulissen bekommen, was mir mehr wert ist als es jeder Strandurlaub je sein könnte. Ich bin schon wieder verliebt. In den Oman, in die Wüste, in Kamele.

Und dann ist da noch ein Versprechen: Ich werde zurückkommen, bald schon.

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Kategorie: Oman

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Verliebt in die Welt, das Reisen und mein neues Zuhause in Spanien. Ich leide unter chronischem Fernweh, also reise ich, soviel ich kann, und wann immer ich kann. Hier berichte ich über meine Abenteuer, Entdeckungen und Erfahrungen.

7 Kommentare

  1. Marieke sagt

    Darauf haben wir jetzt auch echt lange genug warten müssen. Schöner Überblick, und ich freue mich auf die detaillierten Berichte!
    Da wird mir grad nochmal klar, wieso ich so unglaublich froh bin, nicht in den Krieg zu müssen. Weil wenn ich mir vorstelle, ich wäre da gewesen, also jetzt im Oman mit den Soldaten, ich glaube ich hätte geheult. Die ganze zeit ununterbrochen.

  2. Pingback: Stadt, Land, Fluss - die XXL-Runde - Ferngeweht

  3. Danke für den interessanten Beitrag zu meinem Stadt-Land-Fluss-Spiel! Ich bin gespannt auf die weiteren Teile – und natürlich auf eine Erklärung, warum Du mit diesen ganzen Soldaten in der Wüste unterwegs bist …

  4. Wow, da hst du einen ganz besonderen Einblick bekommen von einem wunderschönen Land. Wir haben den Oman selbst im Geländewagen bereist. So weit in den Süden haben wir es zeitlich nicht mehr geschafft und so nah an der Geschichte wie du waren wir nirgends. Sehr spannend!

  5. Pingback: Dhofar, Oman: Ein kleiner Überblick - Far and Wide

  6. Klaus sagt

    Wie immer ganz wunderbar geschrieben! So ein interessantes Land, so viel Geschichte -ich bin richtig froh, dass es noch junge Menschen gibt, die sich für sowas interessieren.

  7. Hanna sagt

    Ich habe schon öfter Berichte über den Oman gelesen, aber alle schreiben immer nur über den Strand, die Sonne und das Meer. Da ich im nächsten Jahr gerne dort Urlaub machen würde, bin ich heute auf deinen Artikel gestoßen -so viel interessanter! Deine Übersicht war auch hilfreich, aber hier gefällt mir das Erzählte besser, du kannst so wunderbar erzählen :)

    Du sorgst jedenfalls dafür, dass die Vorfreude steigt. Vielen Dank dafür!

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