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Cabo Verde: Brief an den Atlantik

Lieber Atlantik, Weißt du eigentlich, dass du Freiheit für mich bist? Das liegt schon daran, wie du riechst: salzig, frisch und voller Abenteuer. Du bist wild und sanft, manchmal angsteinflößend, manchmal zahm. Du bist temperamentvoll, schäumend und voller Geheimnisse. Jetzt bin ich hier, bei dir, laufe am Strand entlang und freue mich, wenn das Wasser meine Füße erreicht. Es ist ganz sanft und kühl, als wärest du heute besonders vorsichtig. Doch wenn ich ein Stück auf dich zukomme, dir näher sein will, dann lässt du eine Welle heran donnern, die so stark ist, dass es mich fast von den Füßen reißt. Der Sand unter mir verschwindet wie von Zauberhand, die Kälte lässt meinen Atem stocken und für einen kurzen Moment stelle ich mir vor wie das ist, von dir verschlungen zu werden. In Portugal habe ich mich in deine Fluten gestürzt, wollte endlich surfen lernen und eins sein mit dir, aber du wolltest nicht. Stattdessen hast du mich grün und blau geschlagen und an den Strand gespült. Auf Lanzarote habe ich dich von den Klippen …

Auf dem Trampelpfad des Lebens

Manchmal frage ich mich, was später mal aus mir werden soll. Was ich vom Leben möchte, was ich mir erträume, das passt nicht so ganz in die Welt von Krankenkassen und Altersvorsorge. Der Weg, den ich gerne gehen möchte, den ich hoffentlich gehen werde, der ist noch nicht ausgeschildert. Der ist überwuchert von Grünzeug und Unterholz, durch das ich mich schlagen muss. Das ist keine vorgegebene Route mit anderen Menschen, die darauf wandeln und denen ich folgen könnte. Ich komme vielleicht nicht so schnell voran, aber ich glaube fest daran, dass es für mich richtig ist. Manchmal, da denke ich an meine Freunde. An alles, was sie schon erreicht haben, an das Geld, das sie verdienen und das Eigenheim, das sie bauen. Und manchmal macht mir das Angst. Dann frage ich mich, ob ich nicht vielleicht auf die große Straße zurückkehren sollte, denn da gibt es weniger Schlaglöcher. Dann frage ich mich, ob ich vielleicht nur meine Zeit verschwende? „Sei doch vernünftig“, wird mir oft gesagt. Wäre ich vernünftig, hätte ich den Job und die Altersvorsorge. …

Brief an das Verlorene

Liebe verlorene Sachen, Manchmal, wenn ich meine Sachen packe, vergesse ich was. Eigentlich immer. In Kuba hatte ich keine Socken dabei, in Porto keine Sonnencreme, auf Madeira keinen Bikini und in Kanada keine Speicherkarten. Ich weiß nicht genau, wann packen so kompliziert geworden ist. Zur Klassenfahrt nach Berlin oder in die Jugendherberge war das einfacher. Alle Lieblingsklamotten in den Koffer, der Rest regelt sich schon. Mittlerweile muss jede Menge Technik mit. Und natürlich immer noch Klamotten, allerdings weniger als früher. Ich habe Beutel, die fertig gepackt in einem Koffer auf dem Schrank liegen, die werden schon gar nicht mehr ausgepackt. Bin quasi immer bereit zum Abflug und das ist auch gut so, denn meistens packe ich erst nachts auf den letzten Drücker. Ihr seht, es ist immer ein bisschen stressig. Und ich bin dann stolz, wenn ich Unterwäsche, Schminke, Socken und Bikinis dabei habe.  Umso härter trifft es mich, wenn meine Sachen auf Reisen verschwinden. Meistens lasse ich sie irgendwo liegen und es ist meine Schuld. Aber manchmal auch nicht. Liebe Regenjacke, die eines Tages aus meinem …

Aus Neufundland, für Dich

Es ist ziemlich grau und düster hier draußen, morgens in Neufundland. Dicke Nebelschwaden hängen an den Bergspitzen, hüllen sie ein und lassen sie verschwinden. Die Luft ist klar und es riecht nach Regen, aber vielleicht habe ich Glück und bleibe heute verschont. Vielleicht klart gleich alles auf, wenn der Wind die Wolken und den Nebel vertreibt und die Sonne das Wasser funkeln lässt. Vielleicht. Du hast immer gesagt, dass du gerne mal nach Norwegen fahren würdest. Ich glaube, da ist es manchmal auch so grau und neblig. Ganz bestimmt ist es da auch so kalt. Meine Hände sind schon ganz steif, meine Nase ist rot angelaufen und meine Beine zittern unter mir. Ich stehe auf einem Boot, das mich mit einigen anderen Reisenden zusammen durch den Western Brook Pond fährt. Das Wasser schlägt in Wellen an die Felswände, die zu beiden Seiten emporragen und ziemlich bedrohlich aussehen. Wir fahren direkt in den Nebel hinein, vorbei an Wasserfällen, die aus über hundert Metern Höhe hinab tosen und meine Haut mit Wassertropfen benetzen. Links entdeckt jemand einen …

Alex: Liebesbrief an meinen Hund

Lieber Alex, Auch wenn ich irgendwann alt und fett bin und die Erinnerungen an mein Leben langsam verblassen, werde ich dich nicht vergessen. Keinen einzigen Moment. Ich werde mich daran erinnern, wie du als Baby auf mich zu gerannt kamst und ich Angst hatte wie noch nie zuvor. Das war keine Liebe auf den ersten Blick, aber auf den 14. Blick. Oder so ähnlich. Ich werde nicht vergessen, wie ich dich anfangs heimlich in meinem Bett habe schlafen lassen, wie ich mit dir geredet und gespielt habe. Wie ich dich im Sommer sonntags noch vor dem Frühstück auf die Terrasse ließ und dich auf unserem Terrassentisch gebürstet habe. Du und ich, durch dick und dünn, immer. Wie ich neben dir auf der Terrasse lag und du mir das ganze Gesicht abgeschleckt hast und ich mir vor Lachen den Bauch hielt. Oder als wir Fahrrad fahren wollten -also, ich auf dem Fahrrad, du nebenher- und du diesen kleinen Hund hinter dem Vorhang erahntest und einfach los ranntest und mich auf meinem Fahrrad mitzogst bis uns ein …