Sri Lanka
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Sri Lanka: Und Sampath lacht

Es ist heiß in Sri Lanka. Der Indische Ozean rauscht, Grillen zirpen, mir ist schlecht. Hinter mir liegen 46 Stufen, vor mir 87 weitere. Sie sind unregelmäßig in den Stein geschlagen, einige sind so schmal, dass mein Fuß nicht mal zur Hälfte darauf passt. Die nächste Stufe ist fast einen Meter hoch und ich will zurück ans Meer.

Oben auf dem Berg sehe ich die Umrisse eines kleinen Tempels. Irgendwo schreit ein Affe, Hunde bellen, Grillen zirpen, der Ozean rauscht, es ist heiß, so verdammt heiß, und mir ist schlecht. Ich will aufgeben und zurück ins Wasser, da taucht Sampath auf. Er klettert auf die Stufe und streckt seine Hand aus, erklärt mir, dass ich nicht aufgeben kann, denn die Aussicht von oben ist fantastisch, und sowieso ist Aufgeben einfach nicht drin heute.

ND1_SriLanka2016_IndischerOzean

Eine halbe Stunde später sitzen wir vor dem Tempel auf einem Felsbrocken. Sampath hat vorher die Umgebung nach Schlangen abgesucht, aber keine gefunden. Nur eine Made, die länger ist als mein Mittelfinger -und dreimal so fett. Ich dachte, die gibt es nur woanders, jedenfalls nicht da, wo ich gerade bin. Falsch gedacht. Die Aussicht ist aber wirklich toll, und unter dem riesigen Baum auf dem kühlen Felsen lässt es sich aushalten.

Wir sitzen nur da und schauen uns die Welt an, hängen unseren Gedanken nach, jeder für sich. Immer wieder deutet er auf Affen, die in den Bäumen rumhampeln. Affen sind seine Lieblingstiere, erzählt er mir. Meine sind Wale. Und Elefanten. Hunde, Katzen, Schafe, sowieso alle Tiere, antworte ich, und Sampath lacht.

Elefant in Uda Walawe Nationalpark Sri Lanka

Ich frage ihn, wo er aufgewachsen ist, wie alt er wirklich ist, nach seinen Träumen und Abenteuern. Stundenlang sitzen wir auf dem Felsen und reden. Er erzählt mir von seinen Geschwistern, und wie sie früher auf der alten Müllhalde im Dreck gespielt haben. Er erzählt vom Krieg in Sri Lanka, von Schildkröten und selbstgebranntem Schnaps. Er erzählt von seinen Kindern, die er nur alle paar Monate sieht, von seinen Enkeln, die er noch seltener sieht und von seinen Urenkeln, die er noch nie gesehen hat. Seine Hände malen Bilder in die Luft, sein Gesicht verändert sich im Sekundentakt.

Glück, Trauer, Hoffnung, Liebe.

Er ist 67 Jahre alt, als 2004 der Tsunami über Sri Lanka herein bricht. Menschen sterben, Häuser werden zerstört. Sampath läuft um sein Leben, immer höher auf den Berg hinauf. Es ist das erste Mal, dass er so richtig Angst hat. Sein Haus wird zerstört, seine Frau stirbt. Bis dahin war er ein glücklicher Mann, sagt er.

ND1_SriLanka2016_Galle_farandwide

Man kann sie sehen, die Überreste der Häuser, deren Wiederaufbau und Reparatur sich niemand leisten konnte. Sie stehen zwischen den neuen Häusern, eine ständige Erinnerung an das, was war, was wieder sein könnte, sie sind die Narben der Stadt.

Sampath erzählt und ich höre zu. Eine Stunde später, oder vielleicht auch drei, als die Sonne gerade untergeht, dreht er sich zu mir um. Er hält meine Hand, oder ich vielleicht auch seine, keine Ahnung. Aber wir sitzen da und ich höre zu, und ich frage mich, wie das sein kann, dass man mit jemandem, den man gar nicht kennt, so offen über das Leben redet. Über das Gute und Schöne, und über den ganzen Scheiß, der irgendwie auch dazu gehört.

ND1_SriLanka2016_Galle_2_farandwide

Es gab Zeiten in seinem Leben, da wäre er lieber gestorben als ohne seine Frau zu leben. Aber dann kamen andere Zeiten, neue Menschen, schöne Momente.

„Irgendwann, da wachst du auf und das Leben ist nicht mehr so grau, dann stellst du fest, dass du doch noch glücklich sein kannst, dass du glücklich sein willst. Dann weißt du, alles wird gut“

Und Sampath lacht.

 

 

Kategorie: Sri Lanka

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Verliebt in die Welt, das Reisen und mein neues Zuhause in Spanien. Ich leide unter chronischem Fernweh, also reise ich, soviel ich kann, und wann immer ich kann. Hier berichte ich über meine Abenteuer, Entdeckungen und Erfahrungen.

13 Kommentare

  1. Karin sagt

    Liebe Nina,

    Wieder einmal eine ganz tolle Geschichte, eingefangen in wunderbaren Worten. Ich bin ein großer Fan der Art, mit der du die Welt und deine Erlebnisse schilderst! Da wünsche ich mir jedes Mal aufs Neue, dass alle Menschen in ihrem Leben die Chance bekommen, diese Erfahrungen zu sammeln.

    Und Sampath hat vollkommen Recht -irgendwann taucht das Licht am Ende des Tunnels auf, man darf nicht aufgeben!

    Viele Grüße,
    Karin

    • Nina sagt

      Vielen Dank, über das Lob freue ich mich sehr! :)
      Genau, Sampath weiß schließlich, wovon er redet und aufgeben ist einfach keine Option.

      Liebe Grüße!

  2. Jonathan sagt

    Du schaffst es immer wieder, mich mit deinen Texten zu berühren. Ich bin gespannt, wie du die nächsten Etappen deiner Sri Lanka-Reise beschreibst. Selbst war ich auch schon in Sri Lanka, aber für mich hat das mit Paradies nicht viel zu tun -von daher freue ich mich darauf, zu sehen, wie du die ganzen „schlimmen“ Eindrücke (Straßenhunde, Müll, Dreck, Armut) in zarte Worte packst!

    Herzliche Grüße!

    • Nina sagt

      Vielen lieben Dank, Jonathan. Ich bin auch schon gespannt, momentan gelingt es mir noch nicht so ganz :D Aber ich habe ja die Hoffnung, dass mal die Menschen überwiegen, die sich solcher Zustände bewusst sind (und sein wollen) und versuchen, etwas zu ändern.
      Ich würde es Sri Lanka wünschen, und allen anderen Ländern auch.

      Liebe Grüße!

  3. Marie sagt

    Wieder mal ganz großes Kino!
    Ich liebe deine Texte, deine Fotos, wie du die Welt siehst.
    Und ich liebe es, dass du dich mit Fremden vor Tempel setzt und über Gott und die Welt redest…

  4. So eine bewegende Geschichte, die wird mich bestimmt noch eine Weile beschäftigen. Wunderbar an was für Ereignissen und Eindrücken deiner Reisen du uns teilhaben lässt.
    Liebe Grüße, Mona von Belle Melange

  5. nici sagt

    Wow, was für schöner Bilder.
    Dein Text ist sehr schön geschrieben und reist einem sehr mit….
    Deinen Blog kannte ich bislang noch nicht, aber ich werde öfter kommen.
    Bin gespannt, was noch so kommt von dir ;)

    liebe Grüße

  6. Pingback: Sri Lanka: Was vom Paradies noch übrig ist (1) - Far and Wide

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